Die letzten Calfeisni
1652 verliessen die letzten Calfeisentaler ihr Dörfchen St.Martin,
1637 wurde Peter Sutter als Letzter beerdigt
Das Zeichen war deutlich. Als sich im Spätherbst des Jahrs 1652 das Wasser im hölzernen Brunnentrog erstmals mit einer dünnen Eisschicht überzog, war es soweit. Die Witwe Ursula Sutter zog mit den letzten beiden ihr verbliebenen Kindern vom Walserdörfchen St.Martin hinaus ins ganzjährig bewohnte Dorf Vättis. Die drei waren die Letzten, die dem während dreihundertfünfzig Jahren besiedelten Hochtal Calfeisen den Rücken kehrten. Das Leben war zu rau und unwirtlich geworden, die ausgedünnte Gemeinschaft hatte ihre Lebensgrundlagen verloren.
Eine späte Würdigung
Fünfzehn Jahre vorher starb der Familienvater Peter Sutter. Er war der letzte einer langen Folge von grossgewachsenen und kräftigen Freien Walsern, der sein ganzes Leben im wilden Tal ums Überleben gekämpft hatte. Die „raue Wildnis“, wie es in einem ersten Dokument aus dem 14. Jahrhundert heisst, war ihm trotz der widerwärtigen Natur das Leben lang Heimat geblieben. Er wurde auf dem Friedhöfli beim Kirchli beerdigt.
Peter Sutter kämpfte ums Überleben und den Fortbestand der Walserkolonie Calfeisen. Er starb in St.Martin, der letzten ganzjährig bewohnten Siedlung. Ursula Sutter, deren Verwandtschaft zu ihm nicht mehr geklärt werden kann, setzte sein Beharren fort – solange es noch einigermassen ging, und bis sie sich, wahrscheinlich von ihren bereits in Vättis verheirateten Töchtern überredet, zum Wegzug ins Nachbardorf überzeugen liess.
Rückblickend wird das Bewohnen der Höhen des Calfeisentals als kühnes kolonisatorisches Experiment des Mittelalters, als unwirtlichster Walsersitz, gewürdigt. Eine entbehrungsreiche, aber erstaunliche kulturelle und menschliche Aufgabe sei es gewesen, steht im Kulturführer des Calfeisentals.
Heute bildet das Calfeisental das Grenzgebiet der Kantone St.Gallen (zu dem es gehört), Graubünden und Glarus. Ein Stausee reicht im gefüllten Zustand bis fast an die Grundmauern des im Jahr 1312 erbauten Kirchleins, das in tadellosem Zustand ist. Im furchtbaren Lawinenwinter 1999 entging es allerdings nur knapp der Zerstörung.
Das Leben wurde harter
Bis 1637 wehrte sich Peter Sutter tagtäglich für sich und die Seinen. Im Winter hiess es, bei jedem Schritt vors Haus und bei den Gängen zu den weit entfernten Ställen, wachsam zu sein wegen der drohenden Lawinengefahr. Die kargen Lebensmittelvorräte mussten eingeteilt werden, damit sie bis zur nächsten Ernte ausreichten. Die Menschen lebten von dem, was das Tal und die Landwirtschaft hergaben: Milch und Käse, Fleisch, etwas Beeren und wenig Getreide. Im Sommerhalbjahr mussten die letzten Walser dauernd auf der Hut sein vor fremden Hirten der umliegenden Alpen, welche sich nicht an die uralten Marchen hielten und ihr Vieh trotz Verbot auf Walserwiesen weideten. Vor allem bei aussergewöhnlichen Schneefällen im Sommer wurde Walsereigentum gerne als Schneefluchten missbraucht. Die Walser mussten Ernteausfälle durch diese Beweidung verkraften.
Mehr und mehr war Peter Sutter auf sich allein gestellt. Der Walliserdeutsch Sprechende musste miterleben, wie andere Calfeisni wegzogen. Was hätte ihnen Peter Sutter auch bieten sollen im Calfeisental: Die genügsamen und arbeitsgewohnten Frauen waren in Vättis willkommen und wurden dort rasch eingebürgert. Heiratswillige Burschen gab es im Walsergebiet keine mehr, alle waren ins angenehmere Unterland weggezogen. Eine Stubeti im Calfeisental, Besuche von heiratsfähigen Burschen bei ledigen Mädchen, war nicht mehr möglich. Die Walsergemeinschaft Calfeisen, die zu guten Zeiten mehr als hundert Einwohner hatte, war zu klein geworden. Vorbei war die Blütezeit des 15. Jahrhunderts, als dem Tal noch der eigene Ammann vorstand, als die Walser unter sich waren und die Weiden nicht mit Unterländer Hirten teilen mussten, als das Klima noch etwas wärmer war und neben dem Kirchli sogar ein kleiner Rebberg bestehen konnte. Bereits Mitte des 16. Jahrhunderts regierten nicht mehr der Ammann und die Talversammlung, sondern der Hunger und die Armut. Die sagenhafte Grösse und Kraft der Calfeisentaler Walser, geschaffen für die raue Wildnis, waren doch schwächer als die mächtige und unberechenbare Natur.
Ein langer Niedergang
Wenig blieb zurück, als 1652 St.Martin als letzte Siedlung im Calfeisental aufgegeben wurde. Das Kirchlein als markantes Erinnerungsgut hat sich zu einem Wallfahrtsort entwickelt. In seiner Mauer soll noch der letzte Kelch versteckt sein. Erhalten geblieben ist zudem das dem Kirchlein benachbarte letztgebaute doppelstöckige Wohnhaus. Es trägt die Jahrzahl 1588.
Der endgültige Niedergang der Calfeisentaler Walserkultur muss schon bei diesem Hausbau nur noch eine Frage der Zeit gewesen sein. Das Holz der weiteren verlassenen Häuser ist für Stallbauten oder zum Heizen benutzt worden. Aber verbliebene Mauerreste und Bodeneinbuchtungen, sogenannte Hosteten, verstreut auf der ganzen Sonnenseite des Tals, gemahnen noch an das Dutzend ehemaliger Weiler.
Geblieben ist trotzdem Vieles
Erinnerungen und Ausstellungsstücke sind geblieben. Das letzte Calfeisentaler Grabkreuz, jenes von Peter Sutter, ziert die Turmspitze des Kirchleins von St.Martin. Bei der Aufgabe des Friedhöfli war das schmiedeiserne Grabkreuz überflüssig geworden und erhielt die bis heute erhalten gebliebene zweite Verwendung als Turmkreuz. Peter Sutters Gebeine ruhen im Beinhäuschen neben dem Kirchli. Allerdings sind die Trophäenstücke, der grosse Schädel und die langen Oberschenkel, schon vor vielen Jahrzehnten von Souvenirjägern gestohlen worden. Das Friedhöfli existiert nur noch dem Flurnamen nach.
Die beiden Söhne der Witwe Sutter, die 1652 mit ihr nach Vättis zogen, verheirateten sich später dort und bewirtschafteten St.Martin zumindest im Sommerhalbjahr weiter. Der Name Sutter kam noch bis im 20. Jahrhundert in Vättis vor. Noch heute leben auffallend viele grossgewachsene Menschen dort. Alle alteingesessenen einheimischen Familien verfügen über etwas Walserblut, als Nachfahren und deren Verwandter der Sutter und weiterer Walser. Die letzten Calfeisentaler Walser leben weiter: In den Erzählungen, in den verbliebenen Bauten und in den zahlreichen Nachkommen.
Axel Zimmermann, Vättis
Literatur: Die Walsersiedlung St.Martin im Calfeisental, Kunst- und Kulturführer, Dr. Johannes Huber, 2000, ISBN 3-9521336-9-8.









