Unter die Haut ging das erste
Freilichtspiel in St. Martin:
Die Premiere des Theaters
«Am Schmuggler sini Frau»
wirkte dank hervorragender
Darbietender hintergründig.
Von Axel Zimmermann
St. Martin. – Das «wildromantische» Calfeisental machte seiner Bezeichnung Ehre: Die steilen Felswände leuchteten nach zweimaligem Regen golden in der Abendsonne, die Tamina rauschte in Folge der gewittrigen Niederschläge braun gefärbt durchs Tal, im Walserdörfchen St. Martin war es abgesehen von einzelnen Stimmen geheimnisvoll still.
Die verbotene Liebe lockt
Am 21.07.2006, um 20.30 Uhr zeigte sich der Himmel wolkenfrei und vor dem Einnachten kurze Zeit matt dunkelblau. Die sieben hohen Stufen der Zuschauertribüne vor dem Kirchlein hatten sich gefüllt. Ein grosser Überseekoffer vor dem Josephmartinshüttli, eine Petrollampe und mehrere bereitstehende Fackeln wiesen aufs bevorstehende Schauspiel hin. Und tatsächlich, der misstrauische und karrieresüchtige, aber darüber hinaus auch liebestolle, Grenzwächter steuert beim ersten Zusammentreffen mit der Schmugglerbande auf den Koffer zu, schlägt unzimperlich mit seiner Faust den Deckel ein – und zieht Kinderkleidchen hervor. Durch die Andeutungen der Frau des Schmugglers kann er sich zusammenreimen, dass sie sich trotz ihres alten und kranken Mannes nach einem Kind sehnt.
Nadja Good, die Frau des Schmugglers, spielt ihre Rolle als hin- und hergerissene Hauptdarstellerin hervorragend: Einerseits verliebt sie sich in den kräftigen Grenzwächter und präsentiert ihm sogar ein Stück Schmugglerware. Andererseits steht sie ihrem gebrechlichen Mann zur Seite. «Den Grenzer hast Du jetzt am Gängelband, jetzt ist alles in Ordnung!», macht er ihr ein Kompliment. «Das sage immer noch ich, wenn es in Ordnung ist!», widerspricht sie ihm machtbewusst. Bis am Schluss der tragischen Liebesgeschichte lässt sie beide Männer hoffen – obwohl sie ihrem Angetrauten ins Gesicht sagen kann: «Mir graust es langsam vor dir!», oder dem Grenzwächter nur soweit Hoffnung macht, wie gerade knapp nötig ist, um ihn für ihr Ziel vereinnahmen zu können.
Etwas Hoffnung bleibt am Schluss
Nicht nur die Männer umgarnt die Frau des Schmugglers mit teuflisch provozierendem Spiel, auch das Publikum bezirzt sie: Ihre echt wirkende und eindringlich erlebbare Art kam an der Premiere hervorragend an. Aber auch alle andern Schauspielerinnen und Schauspieler, die alten und die jungen, überzeugten: Die tiefschürfenden Gespräche der Darbietenden, die effektvolle Handlung des schauerlichen Stücks und die einmalige Kulisse von St. Martin verhalfen dem Freilichtspiel zum Durchbruch. Der Regisseur Alfred Berger darf mit seiner Theatergruppe einen weiteren Erfolg verbuchen. Die Liebe zum Detail, zum Beispiel erkennbar an einem spontanen Zahnziehen, den weit ausholenden Schritten der Schmuggler und den geschickt eingebauten Walsergebäuden, ergänzte zu einem wahr wirkenden Theaterspiel. Eigenheiten machen es zudem unvergesslich.
Durch den Musiker Victor Casanova erreichen Bearbeitung und Regie, dass dem Publikum Verschnaufpausen bleiben zum Nachdenken, und dass der finale Tanz trotz einer dramatischen Wende eine leise Hoffnung auf eine glückliche Hochzeit zulässt. Das Totenvolk der mittlerweile gespenstisch dunkeln Nacht, die überraschend erklingende Totenglocke des Kirchleins und der angedeutete Mord weisen zwar auf ein Desaster hin. Aber schon während des Stücks lassen humorvolle Sprüche immer wieder einen Lacher des Publikums zu, sodass auch das Ende versöhnlich wirkt und nicht ganz ins Tragische kippt – obwohl der eine Mann im Gefängnis landet, und der andere sogar tot ist. Dramatisches gehört zum Theater.
Ein Besuch lohnt sich
Das Publikum verdankte die Premiere der Theatergruppe Jenins mit einem kräftigen Applaus und zahlloser Bravorufe. Als das Klatschen aber etwas gar rasch endete, setzte es als Zugabe der zufriedenen Gäste zu Recht ein zweites Mal ein: Die Premiere verlief wie am Schnürchen, die Souffleuse hatte fast keine Arbeit mehr, die Dialoge brachten spannendes Leben ins sonst nachts stille Calfeisental. Das Freilichtspiel «Am Schmuggler sini Frau» gehört zu den Aufführungen Alfred Bergers, die sogar bei einem zweiten Besuch eindringlich sind.
Diesen Bericht aus dem Sarganserländer können Sie auch auf der Homepage unter dem Link "Presse" nachlesen.
Auf der Homepage http://www.sankt-martin.ch sind auch sehr viele neue Fotos dazu gekommen.
Einen weiterhin wunderschönen Sommer wünscht Ihnen das ganze Team aus
St.Martin
|